Konzeption

Um einen kur­zen Überli­ck über die inhalt­li­che Aus­rich­tung der For­schungs­stel­le zu erhal­ten, kön­nen Sie hier ein Falt­blatt im PDF-For­mat her­un­ter­la­den.

Hier­zu­lan­de gerät „Behin­de­rung” vor allem dann in den Bli­ck der Wis­sen­schaft, wenn es um die Ver­hü­tung, Besei­ti­gung oder Lin­de­rung von gesund­heit­li­chen Schä­di­gun­gen oder Beein­träch­ti­gun­gen geht, kurz, um Prä­ven­ti­on, Kura­ti­on und Reha­bi­li­ta­ti­on. Dage­gen spielt das The­ma bis­lang in den geis­tes- und sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Fächern eine eher unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Ver­kör­per­te Dif­fe­renz als eine Dimen­si­on der con­di­tio huma­na zu erfor­schen steht – zumin­dest in Deutsch­land – sel­ten auf der Tages­ord­nung.

Eine ande­re Per­spek­ti­ve als die vor­herr­schen­de reha­bi­li­ta­ti­ons­wis­sen­schaft­li­che Her­an­ge­hens­wei­se bie­tet die neue, inter­dis­zi­pli­nä­re For­schungs­rich­tung Disa­bi­li­ty Stu­dies, die in den 1980er Jah­ren in den USA und Groß­bri­tan­ni­en ent­stan­den ist. Mitt­ler­wei­le haben sich die „Stu­di­en zu oder über Behin­de­rung” an den anglo­ame­ri­ka­ni­schen Hoch­schu­len eta­bliert und auch in Län­dern wie bei­spiels­wei­se Finn­land, Japan, Indien und Süd­afri­ka sind sie prä­sent.

Initi­iert wur­den die Disa­bi­li­ty Stu­dies zumeist von Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern mit eige­nen Behin­de­rungs­er­fah­run­gen. Als Grün­dungs­vä­ter gel­ten bei­spiels­wei­se der eng­li­sche Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Micha­el Oli­ver und der ame­ri­ka­ni­sche, 1994 ver­stor­be­ne Medi­zin­so­zio­lo­ge Irving K. Zola. Neben ihrer wis­sen­schaft­li­chen Tätig­keit waren sowohl Zola als auch Oli­ver Akti­vis­ten der Behin­der­ten­be­we­gung. Auch ande­ren­orts ver­dan­ken die Disa­bi­li­ty Stu­dies der sozia­len Bewe­gung behin­der­ter Men­schen wich­ti­ge Impul­se. Gleich­zei­tig doku­men­tie­ren die Disa­bi­li­ty Stu­dies einen inter­na­tio­nal sich voll­zie­hen­den Per­spek­ti­ven­wech­sel auf das Phä­no­men der Behin­de­rung und die Lebens­si­tua­ti­on behin­der­ter Men­schen, der sei­nen Nie­der­schlag auch in der „Inter­na­tio­nal Clas­si­fi­ca­ti­on of Func­tio­n­ing, Disa­bi­li­ty and Health” der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (2001) gefun­den hat.

In theo­re­ti­scher Hin­sicht trug vor allem in Groß­bri­tan­ni­en die Kon­junk­tur der kri­ti­schen Sozi­al­wis­sen­schaf­ten zur Begrün­dung der Disa­bi­li­ty Stu­dies bei. Als wei­te­re Quel­le ist der „cul­tu­ral turn” zu erwäh­nen, die Eta­blie­rung des kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Para­dig­mas als ein die ver­schie­de­nen Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten inte­grie­ren­des Kon­zept. Und nicht zuletzt spie­len – ins­be­son­de­re im us-ame­ri­ka­ni­schen Dis­kurs – die von der fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phie inspi­rier­ten, post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Dif­fe­renz- und Dis­kurs­an­sät­ze, die Ent­de­ckung von Kör­per, Sub­jekt und Wis­sen als his­to­ri­sche und kul­tu­rell geform­te Phä­no­me­ne eine Rol­le.

Seit eini­ger Zeit gewin­nen die Disa­bi­li­ty Stu­dies auch im deutsch­spra­chi­gen Raum Kon­tu­ren. Nach den bei­den Tagun­gen „Der (im-)perfekte Men­sch” (2001) und „Phan­tom­Schmerz” (2002), die vom Deut­schen Hygie­ne-Muse­um, der Akti­on Men­sch und der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät im Rah­men der viel besuch­ten Aus­stel­lung „Der (im-)perfekte Men­sch” in Dres­den und Ber­lin ver­an­stal­tet wur­den, gab die Som­mer­uni­ver­si­tät „Disa­bi­li­ty Stu­dies in Deutsch­land – Behin­de­rung neu den­ken!”, die im Rah­men des Euro­päi­schen Jah­res der Men­schen mit Behin­de­run­gen im Juli 2003 in Bre­men statt­fand, ein drit­tes Start­si­gnal für das For­schungs­feld. Außer­dem gibt es seit April 2002 eine bun­des­wei­te Arbeits­ge­mein­schaft „Disa­bi­li­ty Stu­dies in Deutsch­land”. An ver­schie­de­nen deutsch­spra­chi­gen Hoch­schu­len – nicht nur in Köln am Lehr­stuhl für Sozio­lo­gie und Poli­tik der Reha­bi­li­ta­ti­on, Disa­bi­li­ty Stu­dies, son­dern auch in Ber­lin, Bochum, Bre­men, Dort­mund, Düs­sel­dorf, Mar­burg, Mün­chen sowie in Inns­bruck, Zürich, Ham­burg und an wei­te­ren Orten – sind For­schungs- und Lehr­tä­tig­kei­ten zu ver­zeich­nen.
Das Arbeits­pro­gramm der inter­na­tio­na­len und inter­dis­zi­pli­nä­ren Disa­bi­li­ty Stu­dies lässt sich mit fol­gen­den Stich­wor­ten umrei­ßen:

  • Erfor­schung von „Behin­de­rung” als sozia­le Dif­fe­ren­zie­rungs­ka­te­go­rie auf der Basis des „soci­al model of disa­bi­li­ty”
  • Erfor­schung von „Behin­de­rung” als his­to­ri­sche und kul­tu­rel­le Kon­struk­ti­on mit Hil­fe kul­tur­wis­sen­schaft­li­cher Theo­ri­en und Metho­den
  • Erfor­schung der Lebens­si­tua­ti­on behin­der­ter Men­schen auf der Basis von par­ti­zi­pa­ti­ons- und betrof­fe­nen­ori­en­tier­ten Ansät­zen und Metho­do­lo­gi­en
  • Pra­xis­ori­en­tier­te For­schung zur Ver­wirk­li­chung von Teil­ha­be, Eman­zi­pa­ti­on und Gleich­stel­lung in Koope­ra­ti­on mit den sozia­len Bewe­gun­gen behin­der­ter Men­schen

Vor die­sem Hin­ter­grund hat auf Initia­ti­ve von Prof. Dr. Anne Wald­schmidt die Enge­re Fakul­tät der dama­li­gen Heil­päd­ago­gi­schen Fakul­tät (seit 2007: „Depart­ment Heil­päd­ago­gik und Reha­bi­li­ta­ti­on”) der Uni­ver­si­tät zu Köln am 20. Dezem­ber 2004 die Ein­rich­tung der Inter­na­tio­na­len For­schungs­stel­le Disa­bi­li­ty Stu­dies beschlos­sen. Das Arbeits­pro­gramm der For­schungs­stel­le, die dem Lehr­stuhl für „Sozio­lo­gie und Poli­tik der Reha­bi­li­ta­ti­on, Disa­bi­li­ty Stu­dies” ange­schlos­sen ist, umfasst vier Tätig­keits­be­rei­che:

  • Auf­ar­bei­tung des deutsch­spra­chi­gen und inter­na­tio­na­len For­schungs­stan­des
  • Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung eige­ner For­schungs­vor­ha­ben, ins­be­son­de­re von Dritt­mit­tel­pro­jek­ten
  • Wis­sen­schaft­li­che Nach­wuchs­för­de­rung
  • Durch­füh­rung von Tagun­gen und Ver­an­stal­tun­gen